Ursprünglich veröffentlicht im Oktober 2017, im Oktober 2026 grundlegend überarbeitet.
Vier Seiten, vier Stücke, ein Wagnis – über Tales from Topographic Oceans, ein Album, das eine Band an ihre Grenzen brachte … und mich als Teenager nicht mehr losgelassen hat.
Als man Musik noch in die Hand nehmen konnte, war ein Doppelalbum etwas Besonderes. Schwerer als eine normale LP, aufklappbar, außen und innen ein zusammenhängendes Bild von über 60 × 30 Zentimetern. Der Moment des ersten Aufklappens hatte etwas Ehrfürchtiges. Und dann dieses Album: vier Plattenseiten – und auf jeder genau ein Stück.
Ich habe Tales from Topographic Oceans Ende der Siebziger zum ersten Mal gehört. Ich war 15 oder 16, und es war neu, ungewohnt, fordernd. „Geflasht“ würde man heute sagen. Dieses Hörerlebnis hat meinen Musikgeschmack entscheidend geprägt. Was ich damals nicht wusste: wie viel Streit, Erschöpfung und Wagemut in diesen gut 80 Minuten stecken. Als ich den Beitrag 2017 zum ersten Mal schrieb, ging es mir vor allem um das Gefühl. Heute möchte ich auch die Geschichte dahinter erzählen.
Eine Fußnote in Tokio
Am Anfang stand keine Melodie, sondern eine Fußnote. Im März 1973 war Yes auf der Japan-Etappe der kräftezehrenden Close to the Edge-Tour. In seinem Hotelzimmer in Tokio las Sänger Jon Anderson die Autobiographie eines Yogi von Paramahansa Yogananda und blieb an einer langen Fußnote hängen. Sie beschreibt die Shastras, vier Gruppen hinduistischer Schriften: Shruti, Smriti, Puranas und Tantras.
Anderson hatte seine große Idee gefunden: ein Album, das jedem dieser vier Textkörper eine eigene Plattenseite widmet. Er erzählte Gitarrist Steve Howe davon, und die beiden nutzten den Rest der Tournee, um Themen, Texte und musikalische Skizzen zu entwerfen – nach den Konzerten, in Hotelzimmern, bei Kerzenlicht, wie es in vielen Erzählungen heißt.
Sogar der Titel hat eine kuriose Vorgeschichte. Anderson wollte das Album zunächst Tales from Tobographic Oceans nennen, nach einem Kunstwort, das er an eine Theorie des Astronomen Fred Hoyle anlehnte. Erst bei einem Abendessen mit Leuten von Atlantic Records fiel der Hinweis, das klinge doch wie „topographic“ – und so wurde daraus der Titel, den wir heute kennen.
Kühe aus Pappe im Londoner Studio
Anderson schwebte vor, das Album draußen auf dem Land aufzunehmen, am liebsten nachts in einem Wald. Keyboarder Rick Wakeman wollte ebenfalls aufs Land. Der Rest der Band entschied sich für London: Die Morgan Studios in Willesden hatten Großbritanniens erste 24-Spur-Bandmaschine, und die brauchte man für ein derart vielschichtiges Werk.
Der Kompromiss ist legendär. Anderson ließ das Studio wie einen Bauernhof herrichten – mit Heuballen, einem kleinen Stall, Gartenzaun und einer Kuh-Attrappe. Wakeman stellte seine Keyboards auf Heuballen. Von Juli bis September 1973 wurde geprobt, arrangiert und aufgenommen, produziert wie schon zuvor mit Eddy Offord. Am Ende der Sessions, so heißt es, waren die Pflanzen und Dekorationen verrottet.
Für Schlagzeuger Alan White war es das erste Studioalbum mit Yes. Er hatte 1972 Bill Bruford ersetzt, der nach Close to the Edge zu King Crimson gewechselt war. Und Rick Wakeman? Der hatte von Anfang an Zweifel. Ihm war das Konzept zu überladen, die Musik zu wenig ausgearbeitet für vier volle Plattenseiten. Er fühlte sich außen vor und hielt Abstand zur Band. Die Anekdote, dass er im Nachbarstudio lieber mit Ozzy Osbourne Darts spielte und trank, während Black Sabbath dort aufnahmen, gehört inzwischen fest zur Legende des Albums.
Vier Sätze, eine Reise
Musikalisch ist Tales eher eine Sinfonie in vier Sätzen als eine Sammlung von Songs:
- The Revealing Science of God (Dance of the Dawn) – Shruti, die offenbarte Wahrheit. Gut 20 Minuten, mit einem gemurmelten, fast liturgischen Anfang, der langsam ins Licht steigt.
- The Remembering (High the Memory) – Smriti, die Erinnerung. Der ruhigste, ozeanischste Teil, getragen von Wakemans Klangflächen.
- The Ancient (Giants Under the Sun) – Puranas, die alten Geschichten. Das wildeste, experimentellste Stück, mit Steve Howes Gitarren, viel Perkussion und einer zarten akustischen Passage am Ende.
- Ritual (Nous sommes du soleil) – Tantras. Das Finale, mit Chris Squires Bass-Solo, dem großen Trommel-Gewitter und der Melodie, die einen nach über einer Stunde nach Hause bringt.
Wer das Album am Stück hört, merkt, wie viele Motive wiederkehren und sich verwandeln. Das ist kein Zufall, sondern die Architektur, die Anderson und Howe auf Tour entworfen hatten.
Gold vor dem ersten Ton – und ein Curry auf der Bühne
In Großbritannien erschien Tales from Topographic Oceans am 7. Dezember 1973, in den USA im Januar 1974. Kommerziell war es ein Triumph: Es war das erste Album in Großbritannien, das allein durch Vorbestellungen Gold erreichte. Es stand zwei Wochen auf Platz 1 der britischen Charts und kam in den USA bis auf Platz 6.
Die Band ging auf eine fünfmonatige Tournee durch Europa und Nordamerika, die bis dahin größte ihrer Geschichte – und spielte in der ersten Hälfte das komplette Album live. Für ein Publikum, das die Musik oft noch gar nicht kannte, war das eine Zumutung. Für Rick Wakeman auch. Die berühmteste Geschichte dazu: Bei einem Konzert in Manchester erwähnte Wakeman, er hätte Lust auf ein Curry. Sein Roadie verstand das als Auftrag, und mitten im Konzert standen die Schalen mit indischem Essen unter seiner Orgel. Wakeman aß.
Nach der Tour war Schluss. Wakeman verließ Yes, sein Ausstieg wurde im Juni 1974 öffentlich – just als sein Soloalbum Journey to the Centre of the Earth die britischen Charts anführte. Yes machte mit Patrick Moraz weiter und nahm Relayer auf.
Symbol einer Ära
Kaum ein Album steht so sehr für die Größe – und den Größenwahn – des Progressive Rock wie dieses. Die Kritiken fielen schon bei Erscheinen gemischt aus. In den folgenden Jahren wurde Tales zum Paradebeispiel für die Exzesse des Genres: zu lang, zu esoterisch, zu verkopft. Wenn in Rückblicken erklärt wird, warum Punk passieren musste, taucht dieses Album erstaunlich oft auf. Selbst Wakeman hat jahrzehntelang nicht mit Spott gespart.
Und doch: Ein Album, das vier Stücke à 20 Minuten auf den Massenmarkt bringt und dort auf Platz 1 landet, ist nicht nur Exzess, sondern auch ein Zeugnis davon, wie viel man einem Publikum damals zutraute. Für die Band war Tales Höhepunkt und Bruchstelle zugleich. Sie hatte bewiesen, dass sie alles wagen konnte, und dabei einen ihrer wichtigsten Musiker verloren.
Dazu kommt Roger Deans Cover, eine Landschaft aus Steinen, Wasser und Himmel, das zu den bekanntesten Bildern der Rockgeschichte gehört. Dean übernahm Ideen der Band und entwickelte daraus auch die Bühne für die Tour. Gerade dieses aufgeklappte Bild war es, das mich mit 15 so fasziniert hat.
Mit den Jahren hat sich der Blick gewandelt. Viele, die das Album damals verrissen haben, hören heute anders hin. Neuabmischungen, unter anderem von Steven Wilson, haben die Details hörbar gemacht, die auf den alten Pressungen im Klangteppich verschwanden.
Und heute? Tales from Topographic Oceans im Kopfhörer
Für mich ist Tales from Topographic Oceans immer noch genial und zeitlos – vielleicht gerade weil es so unbequem ist. Es ist kein Album für nebenbei. Ich höre es am liebsten nach 22 Uhr, mit guten Kopfhörern und einem sehr guten Rotwein, und lasse mich darauf ein, wohin es mich trägt.
Und wem die gut 80 Minuten zu lang werden – morgen ist auch noch ein Abend …
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